Kompetenzen stärken und Qualität sichern 19.05.2026
Pädiatrischer Pflegetag bietet zeitgemäßes und praxisnahes Fachwissen
Kommenden Freitag, am 22. Mai 2026, findet im LKH Feldkirch der 3. Vorarlberger Pädiatrische Pflegetag statt: Die Fortbildungsveranstaltung richtet sich an Fachleute aus dem Bereich der Kinder- und Jugendheilkunde. Das „Bildungsinstitut Fachbereiche Gesundheitswesen“ und die Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am LKH Feldkirch haben wieder interessiertes Fachpublikum eingeladen. In Vorträgen und Kurzreferaten werden jüngste Entwicklungen, aktuelle Impulse und herausragende Leistungen auf dem Gebiet der pflegerischen Arbeit mit kranken Kindern und Jugendlichen vorgestellt. „Die Veranstaltung bietet damit eine wertvolle Plattform für fachlichen Austausch, neue Impulse und die Weiterentwicklung der Pflegepraxis. Für mich bildet dies die Grundlage einer qualitativ hochwertigen Pflege“, betont Pflegedienstleiterin DGKKP Corinna Pichler.
„Dieser Pflegetag unterstreicht die zentrale Bedeutung der professionellen Pflege für das Gesundheitssystem und die Gesellschaft. Er dient nicht nur der Anerkennung der Pflegeleistungen, sondern verfolgt das Ziel, auf Herausforderungen aufmerksam zu machen und die Zukunft der Pflege nachhaltig zu gestalten“, ergänzt Organisatorin Evelyn Haider, selbst Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin mit Spezialisierung auf Kinder- und Jugendlichenpflege (DGKKP) am LKH Feldkirch. Die Nachfrage nach diesem Weiterbildungsangebot ist daher ungebrochen groß: Die rund 100 Plätze für den Pädiatrischen Pflegetag sind ausgebucht.
Steigende Zahl an Kindern und Jugendlichen mit Anorexie
Thematisch spannt sich der Bogen von kindgerechter Ernährung über Kinderschutz im klinischen Alltag bis hin zum Umgang mit einzelnen Krankheitsbildern und speziellen Therapieformen für sehr junge und jugendliche Patient:innen.
Eine der Referent:innen ist Dr. Katharina Ott. Die Assistenzärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie am LKH Rankweil und Fachärztin für Allgemein- und Familienmedizin beleuchtet in ihrem Vortrag ein derzeit hochaktuelles Thema, nämlich eine besondere Form der Essstörung. Die Zahl der an Magersucht (Anorexia nervosa) erkrankten Kinder und Jugendlichen hat in den vergangenen Jahren auch in Vorarlberg eine traurige Zunahme erfahren und zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten. Auffällig dabei: die Zahl der erkrankten Kinder im Volksschulalter und auch jene der Buben hat zugenommen. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie des LKH Rankweil sind heute im Durchschnitt zwei Kinder und drei Jugendliche speziell mit diesem Krankheitsbild in stationärer Behandlung. Rund zwei Drittel von ihnen schaffen es nach der Therapie dauerhaft, ein gesundes Essverhalten anzunehmen. Ein Drittel wird zumindest einmal rückfällig und muss weiterbehandelt werden.
Extrem ausgeprägte Verhaltensweisen
Eine Essstörung wie Anorexia nervosa wird zwar nicht nur über das Gewicht definiert, sondern vor allem über Verhaltensweisen und Gedanken. Aber im Unterschied zu anderen Essstörungen ist die Diagnose einer Anorexie auch von einem bestimmten „Body Mass Index“ (kurz: BMI, dem Maß zur Bewertung des Körpergewichts im Verhältnis zur Körpergröße) gekennzeichnet. Dieser liegt bei anorektischen Erwachsenen unter dem Grenzwert von 17,5. Bei Kindern und Jugendlichen wird der Grenzwert in alters- und geschlechtsspezifischen Perzentilen angeführt. Als nicht mehr gesund gelten hier Bereiche, die unter die zehnte Perzentile fallen. „Hinzu kommen auffallend ausgeprägte Verhaltensweisen, die sich im Laufe der kindlichen Entwicklung ins Extreme steigern und sich auch für das Umfeld sichtbar verändern“, erklärt Dr. Katharina Ott und beschreibt als Beispiel etwa ein immer strikteres Ablehnen von mutmaßlich „dickmachenden“ Lebensmitteln oder ein zwanghaftes Auseinandersetzen mit den Themen Kochen, Ernährung und dem eigenen Körper. Deutliche Einschränkungen im familiären Leben aufgrund von ernährungsbezogenen Verhaltensmustern sind wichtige Hinweise: „Etwa ein striktes, täglich separates Zubereiten der gemeinsamen Mahlzeiten, das selbst beim Weihnachtsessen durchgezogen wird“, nennt die Fachfrau ein Beispiel.
„Wir nennen das pathologische Verhaltensweisen und Gedanken, die den gesamten Tagesablauf der Erkrankten bestimmen. Es ist immer ein Warnzeichen, wenn Flexibilität und Spontanität im Alltag komplett ausbleiben“, fügt DGKP Anika Dörler hinzu, sie ist Stationsleiterin der Pflege und Sozialpädagogik im multiprofessionellen Team: „Dazu zählen auch extreme Workouts, die über das gesunde, sportliche Maß in Dauer und Intensität weit hinausgehen und auch dann durchgezogen werden, wenn der Jugendliche krank ist. Zudem sehen wir bei so gut wie allen Betroffenen eine starke Angst vor einer Gewichtszunahme, eine verzerrte Wahrnehmung des eigenen Körpers, stark kontrolliertes Essverhalten und einen übermäßigen Einfluss des Gewichts auf das Selbstwertgefühl.“
Auswirkungen erkennen und Hilfe organisieren
Extreme Verhaltensweisen wirken sich auch auf das psychische Wohlergehen der jungen Patient:innen aus. Die Expertinnen bemerken, dass viele Buben und auch Mädchen ihre Krankheit in aggressivem Verhalten kanalisieren. „Oder es entwickelt sich pure Verzweiflung in Situationen, in denen sie sich nicht an ihr Ernährungskonzept halten können, in denen sie das für das Krankheitsbild so typische, ausgeprägte Kontrollbedürfnis nicht aufrechterhalten können. Die Zeit der Coronapandemie mit all ihren Konsequenzen hat die Situation verschärft und zwanghafte Störungen begünstigt.“
Neben psychischen und verhaltensauffälligen sind es oft auch körperliche Symptome wie Ohnmacht, Haarausfall, brüchige Nägel, schwindende Knochendichte, hormonelle Störungen, Wachstums-Einschränkungen sowie ein extrem niedriger Puls, die Angehörige und Fachleute hellhörig werden lassen und eine Überweisung veranlassen“, erklärt Dr. Katharina Ott. „Wir erleben allerdings leider, dass sich viele erst sehr spät professionelle Hilfe holen“, bedauert die Ärztin und rät, sich in einem ersten Schritt an niedergelassene Kinderärzt:innen und/oder ambulante Anlaufstellen wie die Fachstelle für Essstörungen der Caritas zu wenden.“
Soziale Medien und unerreichbare Vorbilder
Auslöser für eine Anorexia nervosa können biologischer, psychischer und sozialer Natur sein. Unbehandelte Essstörungen innerhalb der Familie oder im nahen Umfeld beispielsweise können regelrecht „vererbt“ werden und sich auf die Jüngsten übertragen. Sie sind umso schwieriger zu behandeln, weil Einsicht und Wille zur Veränderung über Generationen hinweg nicht gegeben sind. „In solchen Situationen sehen wir die Kinder und Jugendlichen meist sehr spät und es ist schwierig, gegenzusteuern“, berichten die Expertinnen.
Zudem befeuern Soziale Medien und der ständig verfügbare Vergleich – auch wenn dieser unter wenig realen Umständen erfolgt – die Krankheit. Diese Art der mitunter schlicht unerreichbaren Körperdarstellung ist inzwischen generell zu einem großen Faktor im Arbeitsalltag in der Kinder- und Jugendpsychiatrie am LKH Rankweil geworden. Dazu kommen einschlägige Profile und Webseiten für magersüchtige junge Menschen, die ungefiltert und öffentlich zugänglich riskante „Anleitungen“ zu weiterem Gewichtsverlust und zur Manipulation des Umfelds geben, die die Krankheit verstärken und gleichzeitig kaschieren. „Dem Einfallsreichtum im absurdesten Sinne sind hier leider keine Grenzen gesetzt. Wir erfahren das auch in unserer tagtäglichen Arbeit“, berichten die Expertinnen. Eltern und Erziehungsberechtigte sind gut beraten, zumindest über die groben Inhalte, die ihre Sprösslinge konsumieren, Bescheid zu wissen, um im Fall der Fälle rechtzeitig Hilfe in Anspruch nehmen und gegensteuern zu können.
Gefährlicher Wettstreit unter Gleichgesinnten
Aber nicht nur die virtuelle Welt, sondern generell die (Vor-)Bilder innerhalb bestimmter, auch realer Gruppen spielen eine große Rolle, wenn Nacheifern und Messen in eine ungesunde Richtung abdriften: „In so vulnerablen Phasen wie der Pubertät finden Vergleiche untereinander tagtäglich statt, das gehört zur Entwicklung dazu. Und eine gesunde, starke Peergroup, also eine Bezugsgruppe von Gleichaltrigen, wirkt im Idealfall stärkend. Eine bedingungslose Hinwendung zu einem extremen Ideal ist hingegen kritisch zu werten und fordert bewusstes Hinsehen. Der Eifer, sich – wie im Falle der Anorexie – an einem geringen BMI zu orientieren und in einen erbitterten Wettstreit darüber zu treten, um das eigene Selbstbewusstsein zu spüren oder vermeintliche Anerkennung innerhalb einer Gruppe zu erlangen, kann schnell ausarten.“ Obwohl sich so eine Gruppe gegenseitig nicht guttut, kann gerade hier eine Abgrenzung oder ein Loslösen sehr schwierig sein und professionelle Hilfe erfordern.
Ein Übermaß an Freizeit- und Schulstress schließlich kann sein Übriges tun, um als zusätzlicher Stressfaktor die Entwicklung einer Essstörung zu begünstigen: „Die Leistungsanforderungen und Erwartungen an Kinder und Jugendliche werden immer größer“, beobachtet DGKP Anika Dörler.
Stationäre Therapie über Monate
Die Kinder und Jugendlichen erhalten bei ihrem stationären Aufenthalt im LKH Rankweil eine umfassende Therapie mit täglich mehreren unterschiedlichen Einheiten und Trainings. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer beträgt zumindest drei Monate, kann aber auch bis zu einem Jahr beanspruchen. Ein individuell abgestimmter Stufenplan sieht eine engmaschige Rund-um-die-Uhr-Begleitung vor und beinhaltet neben Ergotherapie, psychiatrischer, psychologischer und psychotherapeutischer Betreuung auch Schulstunden in der krankenhauseigenen Heilstättenschule sowie die Zusammenarbeit mit Sozialpädagogik und Diätologie. Gemeinsame Mahlzeiten samt begleiteter Nachbetreuung, gezielte Aktivitäten, regelmäßige Gewichtskontrollen und Gesundheits-Checks garantieren, dass sich der Genesungsprozess kontrolliert in die richtige Richtung bewegt. Die letzten Stufen der Therapie umfassen im Idealfall selbständige Freizeitgestaltung und die Rückkehr in die Stammschule.
Dieser Prozess braucht Zeit und den Willen, die Krankheit überhaupt als solche zu erkennen und gesundwerden zu wollen. Diese Einsicht ist nicht immer von Beginn an da. „Dass wir mit Sonden-Ernährung lebensbedrohliche Folgen einer stark ausgeprägten Anorexie abwenden müssen, ist zwar sehr selten, aber es kommt im Extremfall vor“, verdeutlicht Dr. Katharina Ott den Ernst der Erkrankung. „Beziehungsarbeit und Psychoedukation, also die Aufklärung über das Krankheitsbild, sind ist das A und O unserer Arbeit. Ohne Vertrauen findet keine Veränderung statt“, ergänzt DGKP Anika Dörler. „Die Herausforderung liegt im Spannungsfeld zwischen professioneller, empathischer Unterstützung und konstanter Einhaltung klarer Strukturen. Zwischen gewissenhafter Kontrolle und Respekt vor der jeweiligen Persönlichkeit – ohne dabei wertend zu agieren, aber konsequent in der Kommunikation und Umsetzung der Regeln und Ziele.“ Ein Spagat also, der nur in der multiprofessionellen Zusammenarbeit und mit Teamwork aller Beteiligten im und außerhalb des Spitals gelingen kann. „Umso schöner sind dann die Momente, in denen wir merken, dass die jungen Menschen wieder echte Lebensfreude empfinden können.“
Statements:
„Der Vorarlberger Pädiatrische Pflegetag bietet eine ausgezeichnete Gelegenheit, die Vielfältigkeit der Pflege in diesem Fachbereich zu demonstrieren: In der pädiatrischen Pflege ist es möglich, eine große Bandbreite an unterschiedlichen Krankheitsbildern zu betreuen – und das vom Neu- bzw. Frühgeborenen bis hin zu Jugendlichen. Das macht diesen schönen Beruf so attraktiv.
Dies zeigt sich besonders gut im Bereich der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, und hier besonders im Bereich der Essstörungen. Diese Krankheitsbilder haben in den letzten Jahren stark zugenommen und benötigen zur Behandlung eine multidisziplinäre Zusammenarbeit der Bereiche Kinder- und Jugendpsychiatrie, Kinder- und Jugendheilkunde, Psychologie und Diätologie. Diese Kinder und Jugendlichen werden primär an der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Rankweil behandelt. Es bedarf jedoch, abhängig von der Schwere der Erkrankung, ebenso regelmäßige Kontrolle – etwa der Organfunktionen – an der Abteilung für Kinder und Jugendheilkunde in Feldkirch.
Ich bedanke mich bei den Organisatorinnen und Organisatoren dieser wertvollen Veranstaltung zur Weiterentwicklung einer qualitativ hochwertigen pädiatrischen Pflege.“
Prim. Priv.-Doz. Dr. Gérard Cortina / Primar Kinder- und Jugendheilkunde, LKH Feldkirch
„Der 3. Vorarlberger Pädiatrische Pflegetag am LKH Feldkirch zeigt eindrucksvoll, mit welchem Engagement und welcher Fachkompetenz die Gesundheitsversorgung von Kindern und Jugendlichen in Vorarlberg gestaltet wird. Der intensive fachliche Austausch, das Teilen neuer Erkenntnisse und die gemeinsame – auch interdisziplinäre – Weiterentwicklung gewährleisten eine qualitativ hochwertige Betreuung auf dem aktuellen Stand der modernen Medizin und Pflege. Dass die Veranstaltung auch heuer wieder ausgebucht ist, unterstreicht die große Bedeutung dieses Angebots und das starke Interesse an professioneller Weiterbildung. Allen Organisatorinnen und Organisatoren, Vortragenden und Teilnehmenden gebührt großer Dank für ihren wertvollen Einsatz.“
Dr. Gerald Fleisch und Priv.-Doz. Dr. Peter Fraunberger / Geschäftsführer VLKH
„Der Pädiatrische Pflegetag leistet einen wertvollen Beitrag, indem Wissen vermittelt, Bewusstsein geschaffen und die Vernetzung gefördert wird – all das sind zentrale Bausteine für eine zukunftsorientierte und qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung.
Gerade im Bereich der Essstörungen zeigt sich, wie wichtig ein gut abgestimmtes, starkes Unterstützungssystem ist. Mit der Bündelung der Kräfte in einer zentralen Fachstelle für Essstörungen bei der Caritas in Vorarlberg setzen wir auch einen entscheidenden Schritt, um Betroffene und ihre Familien noch gezielter, früher und umfassender zu begleiten. Dieses neue Konzept stärkt die Zusammenarbeit der beteiligten Professionen und trägt wesentlich dazu bei, die Versorgungsqualität nachhaltig zu stärken.
Vielen Dank an die Organisatorinnen und Organisatoren des Pädiatrischen Pflegetags, die mit großem Engagement eine wichtige Plattform für fachlichen Austausch und Weiterbildung schaffen. Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern wünsche ich spannende Vorträge, wertvolle Erkenntnisse und viele Impulse für ihre verantwortungsvolle Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.“
Martina Rüscher, MBA MSc / Gesundheitslandesrätin
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